18 Dezember 2007

Vom richtigen Verständnis der Schrift

Wie kann ein vom Geiste Gottes beseeltes Buch ohne diesen Geist verstanden werden? Kann doch ohne poetischen oder musikalischen Sinn niemand die Schönheit der Poesie würdigen oder edle Musik wahrhaft verstehen; eben so unmöglich ist es, das ein psychischer (seelischer, natürlicher) Mensch (1. Kor 2,14), der Gottes Geist nicht hat, sein Wort verstehen sollte. Er mag mit den Grundsprachen, der Geschichte und den Altertümern der Bibel wohl vertraut sein, – dies alles bezieht sich nur auf ihren äusseren Leib. Er mag fähig sein, ihre hehre Schönheit zu würdigen, und von dem echt menschlichen Element in ihr, auch im Unterschied zu der griechischen und römischen klassischen Literatur, entzückt werden; ihre so treue, wahre Schilderung der mannigfachen Lebenserfahrung mag sein Gemüt tief ergreifen, - die alles geht gleichsam nur ihre Seele an; der Geist der Schrift ist Gottes Geist, der heilige Geist. Deshalb betet der Psalmist, wiewohl er mit der Sprach und den Ordnungen des Pentateuchs wohlvertraut war: Herr öffne mir die Augen, dass ich sehe die Wunder an deinem Gesetz! (Ps 119,18). Und daraus folgt, dass der «geistliche» Mensch gerade das Wesentliche der Schrift wohl verstehen kann, auch wenn im in anderer Hinsicht, in Bezug auf das Verständnis dessen, was wir das Leibliche und das Seelische der heiligen Schrift nennen können, vieles mangelt, und ferner, dass alles bloss kritische (das Äussere erforschende), sprachliche, historische, ästhetische und menschliche Verständnis der Schrift - so wertvolle Dienste es dem geistlichen Verständnis derselben leisten kann - ausserstande ist, den wahren Gehalt des Wortes zu erfassen.

Ein unstudierter, einfältiger Christi wendet z.B. den 22. Psalm ohne weiteres auf Christus an und beachtet vielleicht kaum seine nächste Beziehung zu David. Er meint wahrscheinlich, David habe ohne irgendwelche vermittelnde Umstände und ohne Einschränkung einfach im Geiste die Leiden Christi gesehen. Eine solche Anschauung ist unvollkommen, aber sie ist nicht falsch; sieht sie die Sache doch gerade von dem Hauptgesichtspunkt aus an. Sie ist die vornehmste und wahre Anschauung, auf die Gottes Plan und Wille schliesslich abzielt, wohingegen eine rein historische Erklärung dieses Psalms (wie treffend immer die psychologische Analyse ausfallen möge), die nicht den leidenden und triumphierenden Christus darin sieht, oberflächlich ist und ein falsches Bild gibt. Ohne Zweifel hat schon mancher unstudierte, aber vom Geist gelehrte Mann eine richtigere Exegese gegeben, als wohlunterrichtete, aber unerleuchtete Gelehrte. Doch müssen wir da ein Wort beifügen. Es gibt eine Gefahr der die Wahrheit vergewaltigenden Herrschsucht und des Eigendünkels bei Ungelehrten ebenso wie bei Gelehrten. Jemand kann ohne gelehrtes Wissen und zugleich ohne geistliche Einsicht und ohne Demut sein. Die Männer, welche am demütigsten und am meisten geistlich gesinnt sind, werden höchst wahrscheinlich zugleich fleissige und gewissenhafte Forscher sein und sich mit Dankbarkeit alles dessen bedienen, was über die Schrift nach ihren verschiedenen Seiten Licht verbreiten kann. Und diejenigen, welche das tiefste Interesse für das wahre Wohlergehen der Gemeinde des Herrn haben, begehren in erster Linie eine wahrhaft geistliche, dann aber auch gleich in zweiter Linie eine gründlich unterrichtete und geistig regsame Predigerschaft.


D. Adolph Saphir

14 Dezember 2007

Aktuelle Predigt, oder wie hältst du es mit der Politik?

Während ich mich auf die Predigt von nächstem Sonntag vorbereite und nach Beispielen und Veranschaulichungen zum Thema grüble, gehen mir natürlich auch immer wieder die Ereignisse durch den Kopf, welche die Nachrichten dieser Woche prägten (bei uns in der Schweiz). Ich frage mich, wie oft an diesem Sonntag die Wörter «Bundesrat», «Blocher» und «Abwahl» von schweizer Kanzeln herabschallen. Irgendwie ruft dieses Ereignis danach, dass man davon spricht. Soll das aber auch von der Kanzel aus geschehen?

Ich frage mich, ob man in der Predigt aktuelle politische Ereignisse als Beispiele verwenden soll. Immerhin könnten die Hörer diese Geschehnisse ganz unterschiedlich deuten. Was für einen Teil der Schweizer ein Grund zum Jubeln ist, erfüllt andere mit Zorn und Enttäuschung. Ganz unterschiedliche Emotionen sind da im Spiel. Kann dieses Beispiel also wirklich das verdeutlichen, was ich erklären möchte?

Was mich betrifft, so möchte ich diesen Sonntag der Versuchung widerstehen. Aber es würde mich interessieren, wofür das aktuelle und bewegende Ereignis alles herhalten muss. Lasst es mich wissen.

11 Dezember 2007

Einfach nur so ...

So spricht der Herr Zebaoth: Hört nicht auf die Worte der Propheten, die euch weissagen! Sie betrügen euch; denn sie verkünden euch Gesichte aus ihrem Herzen und nicht aus dem Mund des Herrn. Sie sagen denen, die des Herrn Wort verachten: Es wird euch wohlgehen , und allen, die nach ihrem verstockten Herzen wandeln, sagen sie: Es wird kein Unheil über euch kommen. Aber wer hat im Rat des Herrn gestanden, dass er sein Wort gesehen und gehört hätte? Wer hat sein Wort vernommen und gehört? Siehe, es wird ein Wetter des Herrn kommen voll Grimm und ein schreckliches Ungewitter auf den Kopf der Gottlosen niedergehen. Und des Herrn Zorn wird nicht ablassen, bis er tue und ausrichte, was er im Sinn hat; zur letzten Zeit werdet ihr es klar erkennen.

Ich sandte die Propheten nicht, und doch laufen sie; ich redete nicht zu ihnen, und doch weissagen sie. Denn wenn sie in meinem Rat gestanden hätten, so hätten sie meine Worte meinem Volk gepredigt, um es von seinem bösen Wandel und von seinem bösen Tun zu bekehren. Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der Herr, und nicht auch ein Gott, der ferne ist? Meinst du, dass sich jemand so heimlich verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe? spricht der Herr. Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt? spricht der Herr.

Ich höre es wohl, was die Propheten reden, die Lüge weissagen in meinem Namen und sprechen: Mir hat geträumt, mir hat geträumt. Wann wollen doch die Propheten aufhören, die Lüge weissagen und ihres Herzens Trug weissagen und wollen, dass mein Volk meinen Namen vergesse über ihren Träumen, die einer dem andern erzählt, wie auch ihre Väter meinen Namen vergassen über dem Baal? Ein Prophet, der Träume hat, der erzähle Träume; wer aber mein Wort hat, der predige mein Wort recht. Wie reimen sich Stroh und Weizen zusammen? spricht der Herr. Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeisst?

Darum siehe, ich will an die Propheten, spricht der Herr, die mein Wort stehlen einer vom andern. Siehe, ich will an die Propheten, spricht der Herr, die ihr eigenes Wort führen und sprechen: »Er hat’s gesagt.« Siehe, ich will an die Propheten, spricht der Herr, die falsche Träume erzählen und verführen mein Volk mit ihren Lügen und losem Geschwätz, obgleich ich sie nicht gesandt und ihnen nichts befohlen habe und sie auch diesem Volk nichts nütze sind, spricht der Herr.


Jeremia 23,16-32

20 August 2007

Die Versuchung des Pastors

Von Otto Thelemann, in Handreichung zum Heidelberger Katechismus:

Mit allerlei schmeichelhaften Einflüsterungen will er [Satan] die Kinder Gottes zur falschen Sicherheit oder zum Hochmut verführen und sie dadruch zu Fall bringen. – "Aber Herr Pastor", sagte jemand vor der Krichtür, "was haben Sie heute für eine schöne Predigt gehalten!" "Das hat mir der Teufel auch schon gesagt, als ich von der Kanzel kam", lautete die Erwiderung des Predigers.

11 Juli 2007

Grosses Erwachen in der «reformierten» Welt

Die letzte Verlautbarung des Papstes (Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche – Link) schlug hohe Wellen in der reformierten Welt. Die Anhänger der ökumenischen Bewegung innerhalb der Kirchen sind sehr befremdet darüber, dass der Bischof von Rom tatsächlich die reformierten Kirchen nicht als Kirche akzeptiert. Im fünften Punkt eines kurzen Dokuments, das die römische Lehre über die Kirche erläutert, nimmt der Papst Stellung zu den reformierten Kirchen. Hier der Wortlaut:

5. Frage: Warum schreiben die Texte des Konzils und des nachfolgenden Lehramts den Gemeinschaften, die aus der Reformation des 16. Jahrhunderts hervorgegangen sind, den Titel „Kirche“ nicht zu?

Antwort: Weil diese Gemeinschaften nach katholischer Lehre die apostolische Sukzession im Weihesakrament nicht besitzen und ihnen deshalb ein wesentliches konstitutives Element des Kircheseins fehlt. Die genannten kirchlichen Gemeinschaften, die vor allem wegen des Fehlens des sakramentalen Priestertums die ursprüngliche und vollständige Wirklichkeit des eucharistischen Mysteriums nicht bewahrt haben, können nach katholischer Lehre nicht „Kirchen“ im eigentlichen Sinn genannt werden.

Ehrlich gesagt, hat mich diese Stellungsnahme nicht erstaunt. Die römische Kirche hat noch nie etwas anderes behauptet. Wenn man ehrlich und genau beobachtet, was bei der oft gepriesenen Annäherung passiert, dann wird jeweils deutlich, was jetzt auf Papier festgehalten wurde (siehe zum Beispiel bei den Auswirkungen der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigung). Wenn jetzt Kirchenvertreter ganz erstaunt sind, dass es von Rom aus nur einen Weg gibt – zurück nach Rom –, dann haben sie wohl das, womit sie sich in der Vergangenheit beschäftigt haben, falsch eingeschätzt.

Wer jetzt erstaunt ist über die Äusserung von Rom, der kennt ganz einfach die römische Lehre nicht, die eigentlich stets offen und ehrlich kommuniziert wird. Ich kann den Eindruck nicht von mir weisen, dass jene Leute allerdings auch ihre eigene Herkunft nicht genau kennen, oder wenigstens fahrlässig darüber wegsehen. Es gab einen Grund, warum sich die Reformatoren von diesem Gebilde, das sich Kirche nennt, getrennt haben. Sie wollten keine neue Kirche gründen. Vielmehr setzten sie sich mit ganzer Kraft dafür ein, dass die Kirche erneuert wird. Als sich dieses Gebilde aber gegen sie stellte und sich nicht auf den Kurs der biblischen Lehre bringen liess, haben die Reformatoren diese Institution mit schwerem Herzen verlassen und sich mit den Gläubigen in der einen Kirche versammelt. Diese Versammlung soll nichts Neues sein, sondern die heilige katholische (was allgemein bedeutet) Kirche, die wir bekennen.

Wer heute noch reformiert ist, aber richtig, wie auf Lebensquellen.de zu lesen ist, der wird ganz leicht erkennen können, dass diese Stellungsnahme schlicht und einfach zeigt, dass sich seit der Reformation kaum etwas verändert hat. Noch immer müssen die reformierten Kirchen gemeinsam bekennen, dass sie Kirche sind. Diese Stellungsnahme ist zwar etwas unbequem, aber wen dem nicht so ist, könnten wir ebenso wirklich zurück nach Rom.

05 Juli 2007

Evangelium und Taufe

Ein völlig unterentwickeltes Thema was reformatorischen Gemeindebau anbelangt - ich würde sagen Gemeindebau überhaupt - ist der Zusammenhang zwischen Evangelium und Taufe. Nicht, dass die Taufe in vielen Gemeinden und Kirchen nicht irgendwo ihren Platz hat. Taufseminare werden angeboten, einmal im Jahr werden Taufen an einem schönen See oder Fluss veranstaltet. Aber mir scheint, die Taufe ist irgendwie nach Hinten gerutscht. Wie wir in der Apostelgeschichte feststellen können, wird bei jedem Bekehrungsereignis sofort getauft (Apg 2,38; 8, 13. 36; 9, 18; 10, 47; 16,15; 16, 33; 18, 8; 19, 5). Der Missionsbefehl ist unter anderem ja auch ein Taufbefehl (Mk 16,16; Mt 28,19). Darum können wir davon ausgehen, dass die Taufe Bestandteil der Evangliumsverkündigung gewesen ist. Da die Taufen unmittelbar nach der Bekehrung statt fanden, haben die Apostel und Evangelisten in ihren Ausführungen des Evangeliums offensichtlich über die Bedeutung der Taufe gesprochen.

Diese Tatsache fordert uns auf, unsere eigene Verkündigung zu hinterfragen. Machen wir die Taufe zu einem zentralen Thema bei Nichtchristen?

Auch könnte man die Chance nutzen, die vielen getauften Menschen, die keinen Bezug zur Kirche haben, auf ihre eigene Taufe anzusprechen, dem Zeichen des Neuen Bundes, die Verantwortung, die damit verbunden ist, die Verheissungen, aber auch die Androhungen, die an Bundesübertreter ergeht.

03 Juli 2007

Musik und Gesang im Gottesdienst

Heute gehört es ganz selbstverständlich dazu, dass im Gottesdienst gesungen wird. In manchen Gemeinden hat der Gesang einen eigenen festen Platz im Gottesdienst. Er wird dann Anbetung oder Lobpreis genannt. Was ich heute bei Bullinger gelesen habe (Dekade 5, Predigt 5), hat mich wieder einmal aufhorchen lassen. Ist das, was heute so ganz selbstverständlich getan wird, wirklich in Ordnung? Der Abschnitt aus der Predigt von Bullinger scheint mir direkt in unsere Zeit zu sprechen. Aber lest selbst.

Sehr vieles am kirchlichen Gesang ist tadelnswert. Erstens wird viel, ja sogar das meiste der wahren Gottesfurcht zuwider gesungen und nicht alles stammt aus der Heiligen Schrift, sondern aus allen möglichen Lebenden und menschlichen Überlieferungen. Und was aus der Heiligen Schrift gesungen wird, wird so verbogen und verfälscht, dass nichts vom göttlichen Geist übrig bleibt. So werden Geschöpfe und tote Menschen angerufen. Zweitens wird dieser Gesang vorgeschrieben, und man singt nicht freiwillig und mit freiem Geist, sondern unter Zwang, ja man singt sogar, um Lohn und eine kirchliche Pfründe, wie sie es nennen, zu erhalten. Ausserdem singen nur Geistliche, die dazu gedungen worden sind, und nicht wie einst die ganze Kirche Christi. Des Singens ist kein Ende und kein Mass. Es wird Tag und Nacht gesungen. Diesem närrischen, ja gottlosen Gesang wird, als ob er ein gottgefälliges und verdienstvolles Werk wäre, mehr zugestanden, als der wahre Glaube zulässt. Man könnte sagen, es sei das Geschwätz, das der Herr im Matthäusevangelium als heidnischen Aberglauben verboten und verurteilt hat. Zudem singt man in einer fremden Sprache, die wenigen bekannt ist, weshalb die Kirche keinen Gewinn hat. Man hört einen langen Ton ohne Worte, die etwas bedeuten, einen schwebenden, sich nach oben und unten dehnenden Klang. Nicht selten wetteifern die Sänger untereinander mit ihren Stimmen, so dass die ganze Kirche von einem rauen Geschrei widerhallt, und die Hörer durch den Wettstreit der Stimmen kaum verstehen, was gesungen wird. Ich sage an dieser Stelle nichts über die Musik, die man ›figurativ‹ nennt, und über die Musikinstrumente, die fast alle in der Orgel enthalten sind. Ich sage auch nichts über Klagelieder oder über die Gebete für die Verstorbenen, über die ich schon an anderer Stelle gesprochen habe. Diese und ähnliche Dinge nehmen jedoch die ganze Zeit des Gottesdienstes so in Anspruch, dass nur ein ganz geringer Teil oder gar nichts den wahren Gebeten und der heiligen göttlichen Predigt des Wortes Gottes eingeräumt werden kann. Deshalb führen die, welche an das Evangelium glauben, mit guten Gründen derartigen Gesang nicht aus und dulden ihn auch nicht in der Kirche Gottes. In höchstem Masse gottesfürchtig und klug ist das Handeln derjenigen anzusehen, welche die beste oder sogar die ganze Zeit der kirchlichen Versammlungen für hingebungsvolle und stille Gebete und für die heilbringende Verkündigung des Wortes Gottes verwenden und diesen Gesang weglassen, zumal es schwierig ist, einen an sich annehmbaren Gesang so einzugrenzen, dass er nicht irgendwann die rechtmässigen Schranken übersteigt.