Der Schuss von der Kanzel
Conrad Ferdinand Meyer beschreibt in seiner Geschichte «Der Schuss von der Kanzel» einen Pfarrer, der neben seinem geistlichen Amt ein grosser Liebhaber von Schusswaffen und der Jagd ist. An einem Sonntagmorgen schenkt ihm sein Vetter, der General, eine Pistole. Der waffenvernarrte Pfarrer will nicht mehr vom Objekt seiner Begierde lassen und nimmt es mit auf die Kanzel. Dann passiert es.
«Frisch und flott ging es in die Predigt hinein und schon war sie über ihr erstes Drittel gediehen … Der Pfarrer hatte im Feuer der Aktion, während seine Linke vor allem Volke gestikulierte, mit der durch die Kanzel gedeckte Rechten instinktiv das geliebte Terzerol wieder hervorgezogen. ‹Lobet Gott mit grossem Schalle!› rief er aus, und, paff! knallte ein kräftiger Schuss. Er stand im Rauch. Als er wieder langsam sichtbar wurde, quoll die blaue Pulverwolke langsam um ihn empor und schwebte wie ein Weihrauch über der Gemeinde.»
Diese Geschichte, bei der wir gerne schmunzeln, zeigt eine grosse Gefahr, in der jeder Verkündiger steht. Nur zu schnell nehmen wir unsere Liebhabereien mit auf die Kanzel. Selten sind es so handfeste Dinge wie eine Pistole. Allerlei andere Dinge beschäftigen und erfreuen die Pfarrer und Prediger die ganze Woche. Und so geschieht es sehr schnell, dass wir neben der Bibel auch noch unsere Lieblingsgedanken, unsere Lieblingsbeschäftigungen und unsere Lieblingsbücher mit auf die Kanzel nehmen. Wenn es auch nicht kracht wie ein Pistolenschuss, so schwingen neben der Lehre der Bibel immer auch die Töne der heimlichen oder offenen Passionen mit.
Natürlich ist ein Pfarrer auch nur ein Mensch. Hoffentlich kann er sich für etwas begeistern. Aber gerade darum sollte er genau wissen, was er am Sonntag seiner Gemeinde weitergibt. Nur wenn er mit sich selbst ehrlich ist, kann er entdecken, wo seine Leidenschaften mit ihm durchgehen und er zum Schwärmer seiner Vergnügen wird.
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