Gott mit allen Sinnen wahrnehmen
Eben bin ich einer interessanten und sehr zeitgemässen These begegnet. Gott soll vom Menschen mit allen seinen Sinnen wahrgenommen werden. In den heutigen Gemeinden stehe nur allzu oft allein das Hören und das intellektuelle Bewegen im Vordergrund. Die Vertreterin dieser These weist darauf hin, dass Gott sich in der ganzen Schöpfung darstellt und von den Menschen wahrgenommen werden kann und soll. Schon Calvin hat gesagt, dass der Verstand nicht ausreiche, um Gott zu erfassen. Darum soll die Bibel auch in der Predigtvorbereitung mit allen Sinnen erfasst werden (Stichwort Bibliodrama) und Gottesdienste der reichhaltigen Wahrnehmung des Menschen Rechnung tragen. Kunst, Theater und Tanz müssen in der Gottesbegegnung Platz finden. Heute sind viele Menschen sehr offen für übersinnliche Erfahrungen. Da kommt ihnen dieser Ansatz natürlich entgegen. Aber stimmt er auch mit dem biblischen Verständnis von Offenbarung überein?
Gott offenbart sich, nach reformiertem Verständnis, in erster Linie in der Heiligen Schrift. Natürlich hat Gott alles geschaffen und gibt sich selbst in seinem Werk zu erkennen. Das Westminster Bekenntnis nimmt gleich am Beginn Stellung zu dieser These.
Obwohl das Licht der Natur und die Werke der Schöpfung und Fürsorge, die Güte, Weisheit und Macht Gottes so weit offenbaren, dass sie die Menschen ohne Entschuldigung lassen, reichen sie doch nicht aus, um jene Erkenntnis Gottes und seines Willens zu geben, die zum Heil notwendig ist (W.B. Artikel 1.1).
Das Bekenntnis lässt es nicht nur bei einer Eingrenzung der Offenbarung, sondern weist den Lesern den Weg, wie sie Gewissheit erlangen können.
Darum hat es dem Herrn gefallen, sich selbst zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Arten und Weisen seiner Kirche zu offenbaren und ihr diesen seinen Willen zu erklären und danach diesen zur besseren Bewahrung und Verbreitung der Wahrheit und zur sicheren Gründung und Stärkung der Kirche gegen die Verdorbenheit des Fleisches und die Bosheit Satans und der Welt ganz und gar der Schrift anzuvertrauen. Dies macht die Heilige Schrift höchst notwendig, nachdem jene früheren Wege, auf denen Gott seinem Volk seinen Willen offenbarte nunmehr aufgehört haben (weiter W.B. Artikel 1.1).
Wir können heute sichere Erkenntnis über Gott, uns selbst und den Weg zum Heil gewinnen. Es hat Gott gefallen, diese sichere Offenbarung in die Schrift zu legen. Es ist nicht in die Beliebigkeit des Menschen gestellt, wie er Gott erfassen möchte. Der Herr und Schöpfer des Universums bestimmt den Weg in seiner Gnade: es ist sein Wort, die Schrift.
Natürlich schreibt Calvin davon, dass der menschliche Verstand Gott trotzdem nicht ganz erfassen kann – selbst mit der gnädigen Offenbarung aus der Heiligen Schrift. Der Reformator hat ein klares Bild vom Zustand des Menschen. Er ist durch die Sünde blind für Gott und kann seinen Schöpfer aus seinem Vermögen nicht erfassen. Dazu noch einmal das Westminster Bekenntnis.
Wir können zwar durch das Zeugnis der Kirche dazu bewogen und angeleitet werden, die Heilige Schrift hochzuschätzen und ehrerbietig zu betrachten; auch das himmlische Wesen des Inhalts, die Wirksamkeit der Lehre, ... sind Gründe, durch die sie zum Überfluss beweist, dass sie das Wort Gottes ist. Aber trotzdem kommt unsere volle Überzeugung und Gewissheit von ihrer unfehlbaren Wahrheit und ihrer göttlichen Autorität aus dem inneren Wirken des Heiligen Geistes, der durch und mit dem Wort in unseren Herzen Zeugnis gibt (W.B. Artikel 1.5).
Der Heilige Geist muss den Menschen von seiner Blindheit erlösen und ihm helfen, dass er auf das Wort aufmerkt, das ihn erlösen will. Das gilt auch für die Menschen in unserem Zeitalter, die bereit sind eine übersinnliche Erfahrung zu machen.
Gott hat es in seiner Gnade so eingerichtet, dass der Glaube durch das Hören seines Worts von seinem Geist geweckt wird. Wenn die Kirche andere Wege sucht, bewegt sie sich ganz eindeutig von Gottes ewigem Gnadenweg weg. Darum hat schon Luther die Gemeinde singen lassen: «Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort.»
Wie Wahr!
AntwortenLöschenIch habe jedoch ein kleines semantisches Problem mit dem ersten Abschnitt. Bis wohin geht nun das, was Calvin gesagt hat?
Oder spricht der ganze erste Abschnitt von dem, was die Vertreterin dieser These meint?
Eine Ergänzung: Gott gibt uns ja auch Mittel der Verkündgigung, die etwas mehr als den Verstand ansprechen, nämlich die Gnadenmittel, Taufe und Abendmahl. Durch sie "schmecken und sehen wir, wie gut der Herr ist."
In seinem hervorragenden Artikel "From Common Grace to Means of Grace" in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Modern Reformation zeigt Donald Bruggink ausserdem, wie die Architektur helfen kann, sich Wahrheiten zu vergegenwärtigen. Er denkt über Fragen nach, wie z.B.: wie die Kanzel beschaffen ist, wo sie sich befindet (z.B. erhöhte, zentral platzierte Kanzel aus Holz
mit Evangelisten-Symbolen, der Prediger verschwindet mehr oder weniger dahinter - im Gegensatz zur Plexiglaskanzel, durch die vor allem die Person des Predigers ausgestellt wird und in den MIttelpunkt rückt, nicht genügend Platz für eine Bibel drauf, usw....). Oder wo befindet sich der Abendmahlstisch, wie ist dieser beschaffen, wo ist das Taufbecken (ist es gross genug, dass ein Gläubiger drin Platz hat? - Anmerkung von mir :-), usw.
Das alles sind natürlich Nebenaspekte, die nicht an die Bedeutung des Wortes im Gottesdienst herankommen.
Ich denke aber, dass die Sakramente in gewisser Weise doch eine helfende Bedeutung für die Sinne haben.